So weit die Füße tragen: Neue Lust am Wandern

 

 

 

 
 
(21.02.2007)
Wandern im Zeitalter von Fernreisen, Internet und Globalisierung? Manche finden diese Art der gemächlichen Fortbewegung spießig, andere sehen eine Renaissance des Wanderns.

Wanderer
Wandern im Zeitalter von Fernreisen, Internet und Globalisierung? Manche finden diese Art der gemächlichen Fortbewegung spießig, andere sehen eine Renaissance des Wanderns.

Auf das kleine weiße Andreaskreuz kommt es an: Es zeigt die Richtung auf dem Wanderweg Schlei-Eider-Elbe, der von Schleswig hoch im Norden Deutschlands bis nach Hamburg-Blankenese führt.

Träge und breit fließt die Elbe an diesem grauen Tag im Februar dahin. Eine fünfköpfige Wandergruppe blickt auf den Fluss. Es nieselt leicht. Wandern im Zeitalter von Fernreisen, Internet und Globalisierung? Manche finden diese Art der gemächlichen Fortbewegung spießig, andere wie Rainer Brämer vom Deutschen Wanderinstitut sehen eine Renaissance des Wanderns. Bücher zum Thema sind Bestseller.

40 Millionen Wanderlustige

Der Experte zitiert repräsentative Studien und spricht von rund 40 Millionen Deutschen, die wandern. Etwa acht Millionen schnürten mindestens ein Mal im Monat die Wanderschuhe. «Wir beobachten seit Jahren steigende Zahlen. Die meisten Jugendlichen sind Wandermuffel ­- im Gegensatz zu den Erwachsenen, hier gibt es ein wachsendes Bedürfnis und eine neue Lust am Wandern.»

Brämer, der an der Universität Marburg eine Forschungsgruppe zum Thema Wandern leitet, erklärt dies mit einer «High-Tech-Zivilisation, die uns mehr und mehr überfordert», und mit «mentaler Erschöpfung», die viele in der Natur nach Erholung suchen lasse.

Auf der Suche nach Gott und sich selbst war TV-Entertainer Hape Kerkeling. Der Bericht über seine Pilgerreise («Ich bin dann mal weg ­ Meine Reise auf dem Jakobsweg») landete im vergangenen Jahr mit 1,1 Millionen verkauften Exemplaren auf dem Spitzenplatz bei den Sachbüchern. Manuel Andrack, im Hauptberuf Assistent von Harald Schmidt, hat ebenfalls über seine Touren geschrieben. In seinem zweiten Buch «Wandern ­ Das deutsche Mittelgebirge für Amateure und Profis» nimmt der Kölner, der sich selbst als «Wanderjunkie» bezeichnet, an der Wanderweltmeisterschaft in Österreich teil, besucht einen Baumkronenpfad und ärgert sich über Nordic Walking.

Auch der Deutsche Wanderverband mit etwa 600.000 Mitgliedern in den Vereinen beobachtet zunehmendes Interesse. «Wandern ist wieder ein Thema, deswegen gibt es auch einen Markt für diese Bücher», sagt Ingo Seifert-Rösing, Verbandsreferent für Öffentlichkeitsarbeit. «Vor zehn bis 15 Jahren galt es noch als absolut spießig, inzwischen bekennen sich die Leute dazu. Das Image hat sich gewandelt, Wandern wird heute mit sanftem Tourismus und mit einem Lebensstil in Verbindung gebracht.»

Hinter der Wanderlust steckten neben dem Naturerlebnis, der Freude an Bewegung auch das Streben nach Gesundheit und Interesse an der Heimatregion. Die Vermarktung von neuen Touren wie dem Rheinsteig über 320 Kilometer von Wiesbaden nach Bonn spiele ebenfalls eine Rolle.

«Ein riesiger Markt»

«Viele Strecken sind heute abwechslungsreicher und spannender als früher. Und gute Wege wiederum ziehen neue Wanderer an», sagt Brämer. «Wandern ist ein riesiger Markt für Gastronomie und Hotellerie, Kleidung und Schuhe.» In den Vereinen sind nach Auskunft des Verbands vor allem die über 60-Jährigen engagiert. Ihnen gehe es um geführte Touren und Geselligkeit, sie seien häufig und regelmäßig unterwegs. «Viele entdecken das Wandern ab Mitte 40 oder mit Anfang 50 für sich», sagt Seifert-Rösing.

Nach Auskunft Brämers ist der Durchschnittswanderer 48 Jahre alt. Die Wandergruppe an der Elbe in Blankenese besteht überwiegend aus Rentnern, die schon immer gern gewandert sind, sich im Verein engagieren und regelmäßig zu Touren treffen. «Wandern muss wachsen. Das ist auch eine Frage des Alters, dass man seinen natürlichen Rhythmus wieder entdeckt», sagt Frank Schlinzig, Hauptwegewart im Wanderverband Norddeutschland. Er ist für das kleine weiße Andreaskreuz zuständig, das dem Wanderer zwischen Schleswig und Hamburg die Orientierung erleichtern soll.

Der freie Journalist und Autor Ulrich Grober kommt in seinem Buch «Vom Wandern - Neue Wege zu einer alten Kunst» auch ohne Wegmarken aus. Ihm geht es vor allem die Schärfung der Sinne wie Sehen, Hören und Riechen, um Entschleunigung: «Das Erlebnis weitgehender Freiheit ist Essenz und Faszinosum des Wanderns. (...) Den Rucksack packen, verschwinden. Unterwegs auf sich allein gestellt sein. Niemanden brauchen. Den Weg verlassen können. Ohne Weg gehen. Flexibel reagieren können. Natur erleben.» (dpa)




zurück zur Nachrichtenübersicht

alle Touristiknews lesen
Ältere Nachrichten von Reise & Touristik lesen

 
 

 

Über uns | Sitemap | Wissen | AGB | News | Buchung| Newsletter | Partnerprogramm | reisen links