In Washington DC gibt es nicht nur imperiale Architektur zu erleben, sondern auch ein eigenständiges Musik-Genre: Go-Go. Abseits der von Reiseführern beschriebenen Routen erklingt ein Mix aus Jazz, Funk und HipHop, mit dem sich die afroamerikanische Bevölkerung Gehör verschafft.
"I want you all to make some noise!", ruft der 70-jährige Chuck Brown vom Bühnenrand aus in die dicht tanzende Menge. Kongas, Timbale und Rototoms treiben den Rhythmus voran, während Blechbläser die Melodie von "Hoochie Coochie Man" anstimmen. "Wind me up, Chuck!", schallt es unisono aus dem Publikum zurück. Hunderte von Armen wippen im Takt. Es ist 1.30 Uhr morgens, und die Stimmung im kaum beleuchteten 9:30-Club in der V Street befindet sich auf dem Höhepunkt.
Chuck Brown: Lebendiges Markenzeichen des schwarzen Washington
"I love you so much", erklärt der Sänger mit breitem Lächeln und holt ein funkelndes Soul-Riff aus den Saiten seiner Gitarre. "Wind me up, Chuck!", fordern die Zuhörer erneut im Chor, und die tiefen Schläge des Elektrobasses bringen den Raum zum Vibrieren. Kuhglocken setzen perlende Akzente und verbinden den Steelbandsound der Percussion-Instrumente mit der Ära schwarzer Cowboys; virtuose Jazzpassagen mischen sich mit rauem Rap und hypnotischem Trommelklang.
Zwölf Instrumentalisten präsentieren an diesem Abend einen der prominentesten Live-Acts der Stadt: Mit seinem Stetson, der dunklen Sonnenbrille und einem blitzenden Goldzahn ist Chuck Brown so etwas wie das lebendige Markenzeichen des schwarzen Washington. Seit den siebziger Jahren elektrisiert der "Godfather of Go-Go" mit mehrstündigen Medleys aus langen, ineinander übergehenden Songs die Partygänger, mittlerweile ist es deren dritte Generation. Auch heute sind die Fenster des 9:30-Club längst beschlagen.
Mädchen kreisen selbstbewusst ihre Hüften, in engem Körperkontakt umworben von jungen Männern. Sie bewegen sich in einem kollektiven Tanz, der provozierend sinnlich wirkt und sich parallel mit Go-Go entwickelt hat. "Mindestens zwei-, dreimal pro Woche besuchen wir ein solches Konzert", berichten Shawron, 25, und Michelle, 24; tagsüber arbeiten beide in einer Bundesbehörde. "Hier haben wir die Möglichkeit, unsere Energie zu spüren. Die Trommeln erklingen in einer Tradition, die bis zu unseren Ursprüngen in Afrika zurückreicht."
Kaum Hinweise auf afroamerikanisches Kulturleben
Washington besteht aus zwei unterschiedlichen Welten, in denen ihre Bewohner, bedingt durch die ethnische Herkunft, wie von einer unsichtbaren Mauer getrennt leben. Die weitläufigen Grünanlagen und europäisch anmutenden, repräsentativen Gebäude zwischen Downtown und Potomac River, die das offizielle, in der internationalen Berichterstattung verbreitete Bild von Washington prägen, sind nur ein Teil der Wirklichkeit. Jene Stadtviertel in Southeast und Northeast, die vor allem von Afroamerikanern bewohnt werden, bleiben vor der Wahrnehmung des Besuchers weitgehend verborgen.
Kein Wunder: Vor Ort erhältliche Reiseführer und die amtliche Tourismus-Website enthalten kaum Hinweise auf das facettenreiche, aktuelle afroamerikanische Kulturleben, obwohl der afrikastämmige Bevölkerungsanteil am Regierungssitz mit 60 Prozent der proportional größte einer Metropole in den USA überhaupt ist. Diese Ausgrenzung kennzeichnet den spezifischen sozialen Zustand in Washington, und sie ist ein Beispiel für verdeckte, aktuelle Formen der Segregation in den Vereinigten Staaten.
Elektronisch produzierter HipHop hat es schwer in der amerikanischen Hauptstadt. Dafür genießen hier Musiker aus Fleisch und Blut höchstes Ansehen, und das hat Tradition. Zwischen den Weltkriegen strömten zahllose Landflüchtlinge in die US-Hauptstadt. Neue A-cappella- und R'n'B-Bands schossen aus dem Boden und machten Musik zu einem allgegenwärtigen Bestandteil des öffentlichen Lebens. Diejenigen Schulen im Distrikt, die während der Rassentrennung afroamerikanischen Kindern offen standen, sorgten für eine besonders sorgfältige musikalische Ausbildung der Heranwachsenden. Nach den Unruhen der Bürgerrechtsbewegung gab der Funk-Altmeister George Clinton dem schwarzen Washington im Song "Chocolate City" einen Namen, den es seitdem mit Stolz trägt.
"Kaum ein Ort pflegt das Live-Element der schwarzen Musik heute noch mit solcher Intensität wie Chocolate City", sagt der Sänger, Gitarrist und Bandleader Andre "Whiteboy" Johnson. Es ist spät am Vormittag. Der Enddreißiger sitzt, müde vom Auftritt seiner Band Rare Essence in der Nacht zuvor, mit hochgelegten Beinen an einem Tisch im Erdgeschoss eines kleinen Backsteinhauses und erzählt: "Sobald wir laufen konnten, nahmen uns unsere Väter mit zu öffentlichen Parks und Plätzen, wo bei gutem Wetter Funkbands spielten. Wenig später fingen wir selbst an, miteinander zu musizieren. Wir gründeten Rare Essence, als wir in die Grundschule gingen. Hauptsächlich beschäftigten wir uns mit Baseball und Football, aber zwischendurch brauchten wir etwas anderes. Damals hieß das Genre noch nicht einmal Go-Go. Wir probierten aus, was wir live und im Radio hörten, Chuck Brown oder Top-40-Hits, und allmählich klang das, was wir da produzierten, immer besser."
Aids, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit
Durch die Fenster dringen die Stimmen spielender Kinder. Vor den Eingängen einiger Wohnblocks vertreiben sich ältere Männer mit Hufeisenwettwerfen die Zeit. Auf den ersten Blick verströmt der Stadtteil Anacostia nichts von der Trostlosigkeit, die man in einem Ghetto erwarten würde. Hügel und kleine Straßen, die von alten, zwei-, drei und viergeschossigen, in Reihen stehenden roten Klinkerhäusern gesäumt werden, wecken eher nostalgische Reminiszenzen an Erzählungen Raymond Chandlers, doch der Schein trügt: Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Säuglingssterblichkeit und Aids treten in den hiesigen black neighborhoods signifikant häufiger auf als in den von Weißen bewohnten Gebieten, und das öffentliche Schulsystem, das hauptsächlich von afroamerikanischen Schülern frequentiert wird, rangiert im nationalen Vergleich seit Jahrzehnten in fast allen Kategorien auf den hinteren Plätzen.
Go-Go-Publikum: "Hier haben wir die Möglichkeit, unsere Energie zu spüren"
Go-Go ersetzt allabendlich einen Teil der sozial verweigerten Anerkennung. "Put me on display!", lautet die Bitte derer, die während der Shows persönlich genannt sein möchten. Zettel mit gekritzelten Namen werden auf die Bühne gereicht, und Fingerzeichen signalisieren Stadtviertelzugehörigkeiten. Mit "Happy Birthday to sweet Mariah overhere" beginnt Chuck Brown im 9:30-Club die sogenannten Shoutouts, in denen Gäste namentlich vom Podium herab begrüßt und aktuelle Vorkommnisse kommentiert werden. Zugleich steht die Bühne jedem offen; wer etwas kundtun möchte, tritt ans Mikrofon und rappt im fliegenden Wechsel mit den Sängern hinein.
Go-Go fungiert so als Mittel der Selbstvergewisserung für eine Gemeinde, die sich auf doppelte Weise von elementaren Entscheidungsprozessen abgeschnitten sieht: Die Einwohner Washingtons, gleich welcher Hautfarbe, besitzen kein volles politisches Wahlrecht. Taxation without representation, die Pflicht, Steuern zu zahlen, ohne ausreichend Einfluss nehmen zu können, ist ein Umstand, der bereits von der Uno-Menschenrechtskommission kritisiert wurde und innerhalb der Stadtgrenzen zu einem einzigartigen Gefühl des Abgekoppeltseins führt.
"Der Rhythmus unserer Stadt ist Go-Go!"
Jede Band zieht mit mehreren Konzerten pro Woche in Clubs wie Bud's Restaurant, Club Amazon, Cranberries, Kili's Kafe oder dem Tradewinds Night Club Tausende von Fans an, die hier Troopers heißen. Es ist ein kleines Wunder: Der schlechter verdienende Teil der Stadt, die nur knapp 600.000 Einwohner zählt, ernährt mehr als 20 Bands mit 250 hochkarätigen, hauptberuflichen Musikern. 911, Backyard Band, Chuck Brown & The Soul Searchers, Experience Unlimited, Familiar Faces, Junk Yard, Lissen, Rare Essence und Suttle Thoughts sind die derzeit wichtigsten Formationen.
Viele Unternehmen haben eine Schlüsselfunktion im Do-it-yourself-Räderwerk des Genres: Manager, Promoter, lokale Plattenlabel, CD-Läden, Streetware Designer und, nicht zuletzt, die Musiker selbst. "Der Rhythmus unserer Stadt ist Go-Go!", ruft DJ Flexx während einer seiner Shows auf Radio WPGC. Und Sugar Bear von Experience Unlimited, denen es in den achtziger Jahren mit "The Butt" gelang, einen internationalen Go-Go-Hit zu landen, meint: "Als Musiker ist man in Washington privilegiert. Wir sind seit 25 Jahren im Geschäft und heute so erfolgreich wie am ersten Tag."
In den neunziger Jahren wurde Washington von einer Kriminalitätswelle ohnegleichen erschüttert. Einer Initiative von Stadtverwaltung und Bürgern gelang es damals durch die vorübergehende Verbesserung der Lebensbedingungen in den Ghettos, die Gewaltwelle zu stoppen. Mittlerweile steigt die Kriminalitätskurve wieder steil an.
Obwohl die Zahl von Kapitalverbrechen in den USA wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge direkt mit der Benachteiligung ethnischer Minderheiten in den Städten verknüpft ist, gibt es vorerst kaum Versuche verstärkter Integration. Mit dem Einsatz von privaten Sicherheitsleuten versuchen die Clubbesucher, ihre Veranstaltungen vor Eskalationen zu schützen.
Chuck Brown immerhin soll nun offiziell gewürdigt werden. Im September wird er die höchste nationale Auszeichnung in den USA für sein Lebenswerk, die NEA National Heritage Fellowship erhalten; darauf folgt am 23. September ein Konzert im Lisner Auditorium: eine hochverdiente, späte Ehre für die Washingtoner Go-Go-Gemeinde.
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